Die heutige klassische Schulmedizin orientiert sich sowohl in der Diagnostik als auch in der Therapie an sogenannten Leitlinien. Man muß sich zwar fragen, wie wir älteren erfahrenen Ärzte Jahrzehnte ohne diese stringenten Leitlinien auch erfolgreich behandeln konnten, aber vielleicht erzwingt die wahrscheinlich doch geringe Fortbildungsbereitschaft der Ärzteschaft diesen Schritt. Den Verdacht muß man ohnehin haben, denn sonst wäre nicht vor Jahren die Fortbildungspflicht für Kassenärzte eingeführt worden. Ich weiß wovon ich rede, denn ich referiere regelmäßig bei solchen Veranstaltungen.
Darum mögen die Leitlinien in der Medizin mittlerweile Ihre Daseinsberechtigung haben, sie sollten aber auch Spielraum für Seitenwege offen lassen und um Gottes Willen nicht den Ärzten das Denken abnehmen!
Und genau das ist meinem Patienten vor gut einem Jahr widerfahren. Zugegeben, wenn ein Patient seit Jahren mit diversen Grundkrankheiten wie Diabetes, Hochdruck, Herzkranzgefäßverengungen etc. belastet ist, was mehrere Fachärzte gleichzeitig beschäftigt, verliert man schnell den Überblick. Dann können Leitlinien erst einmal helfen. Kommt dann aber oben drauf noch eine schwere Arthritis diffus in Muskeln und Gelenken, dann ist allein hinsichtlich der Interaktionen der diversen Medikamente sehr viel Nachdenken gefragt. Und mein Patient wurde von seinem Rheumatologen mit sehr nebenwirkungsreichen Präparaten behandelt, die noch nicht einmal halfen. Denn die extrem schmerzhaften Muskelsteifigkeiten waren therapieresistent.
Da der Patient zusätzlich unter erheblichen Magen-Darmbeschwerden litt, wurde er von einem geschätzten Kollegen, der auch gern über den Tellerrand schaut, zu mir überwiesen. Eine meiner ersten Maßnahmen war die Durchsicht der 15 (!) Medikamente auf denkbare Auslöser der Beschwerden – und fand einen Cholesterinsenker (nach Herzinfarkt verordnet), dessen gravierendste Nebenwirkungen bekanntlich Magen-Darm- sowie Muskel- und Gelenkbeschwerden sind! Nach Absetzen minderten sich schon einmal deutlich die schmerzhaften Muskelsteifigkeiten.
Eine Stuhluntersuchung in einem Speziallabor zeigte massive Gärung und Fäulnis und eine sehr deutlich gereizte Darmschleimhaut – Letztere gewiß auch teilweise medikamentenbedingt. Und dadurch wiederum entstand ein Teufelskreis, weil eine gereizte Darmschleimhaut Medikamente schlecht oder gar nicht aufnehmen kann und deren Wirkung damit reduziert.
Aufgrund der hohen Zahl von Fäulniskeimen in Form von sog. Clostridien kam es zu Toxinbildung u.a. durch Indikan und Cresol, die im Organismus Erschöpfung, Schmerzen, Entzündungen und Hormonstörungen (sog. Neurotransmitter) auslösten. Eine verhängnisvolle Gemengelage.
Wäre das nicht schon quälend genug, entwickelte mein Patient aufgrund der länger zeitigen Darmschleimhautbelastung unbemerkt eine energiezehrende Nahrungsmittelallergie (IgG) auf Milch, Milchprodukte und Ei.
Entsprechend dieser Befunde erfolgte meine Behandlung außerhalb jeder Leitlinie, die es übrigens für eine derartig komplexe Symptomatik auch gar nicht gibt.
Entgegen den Empfehlungen der Kardiologen habe ich den Cholesterinsenker abgesetzt. Entgegen dem Rat der Rheumatologen wurden die nebenwirkungsreichen Präparate abgesetzt und völlig „off label“ durch Cortison ersetzt, da hier m.E. eine sehr subtile chronische Ganzkörperentzündung (silent inflammation) bestand. Nicht überraschend wurden alle Beschwerden innerhalb kürzester Zeit ganz entscheidend gemindert. Da der Motor für die Entzündung im Darm zu finden war, wurde die Fäulnis und damit die Intoxikation durch Sanierung des Mikrobioms und der Darmschleimhautmit beseitigt. Damit wurde auch die Durchlässigkeitsstörung (sog. Leaky-gut) behoben, die der Auslöser für die Nahrungsmittelallergie war.
Während der gesamten Behandlungszeit brach der Patient psychisch ganz erheblich ein. Daraufhin veranlaßte ich eine Untersuchung auf sog. Neurotransmitter (insbesondere unsere Psyche und unser Vegetativum steuernde Hormone). Wenig überraschend ließ sich ein deutlicher Mangel an so lebenswichtigen Hormonen wie DHEA, Cortisol und unseren Glückshomonen Serotonin und Dopamin nachweisen.
Eine entsprechende Substitution dieser Hormone bzw. deren Vorstufen brachte das ersehnte neue psychische und körperliche Gleichgewicht zurück.
Seitdem hat mein Patient das Gefühl, langsam sein altes Leben wieder zurück bekommen zu haben.
Mein Rat:
Diese Krankengeschichte ist ein schönes Beispiel dafür, daß man oft die betonierten Leitlinienwege verlassen muß und durch enge Zusammenarbeit mit dem Patienten und durch gemeinsames Nachdenken eine Lösung finden kann.
