Mikroökologische Stuhldiagnostik

Diese sehr spezielle und äußerst aussagefähige Untersuchung ist die wichtigste Labordiagnostik in meiner Praxis.
Sie werden sich gewiß wundern, daß ich mich ausgerechnet mit dem Stuhl meiner Patienten so intensiv befasse. Wenn Sie aber in dieser Website das Kapitel über die Bedeutung des Mikroökologischen Systems im Darm auch mit einer gewissen Faszination gelesen haben, dann wird Sie das nicht mehr wundern.
Da es wohl kaum eine chronische Erkrankung gibt, bei der der Darm und sein Ökosystem nicht beteiligt oder sogar Verursacher ist, macht diese Untersuchung immer Sinn.

Bitte beachten Sie, wenn im Folgenden von einer Spezial-Stuhldiagnostik die Rede ist, dann ist diese Untersuchung nicht mit einem einfachen Stuhltest im Großlabor auf krankmachende Durchfallerreger zu verwechseln. Alle von mir in meiner Praxis veranlaßten Laboruntersuchungen – wie auch die Spezial-Stuhldiagnostik – lasse ich im Fachlabor GANZIMMUNdiagnostics in Mainz durchführen.

Was kann man nun aus einer Stuhlanalyse herauslesen?

Eine Mikroökologische Stuhldiagnostik beinhaltet grundsätzlich die Untersuchung des Mikrobioms und diverser biochemischer Parameter.
Lassen Sie uns zunächst diesen riesen Staat aus Bakterien und Hefen anschauen und herausfinden, welche krankmachenden Keime sich in Ihrem Darm breitgemacht haben und welche gewünschten dabei verloren gingen.
Zwei verschiedene Untersuchungsmethoden stehen da zur Verfügung:

Mikrobiomanalyse

Florastatus

Bei dieser Untersuchungsmethode werden Ihre Darmkeime auf speziellen Nährböden ausgestrichen und im Brutschrank zur Vermehrung gebracht. Anschließend analysiert man sog. Leitkeime, sozusagen Stellvertreter für viele andere ähnliche Keimarten (bei der sehr großen Zahl von Arten in unserem Darm trifft man so eine repräsentative Auswahl). Dabei wird sorgfältig einerseits eine sog. Fäulnisflora bestimmt, also eher uns krank machende Kulturen (z.B. Clostridien, E.Coli, Klebsiellen), andererseits die für uns lebensnotwendigen gewünschten Arten (z.B. Bifidobakterien, Laktobazillen, Enterococcen). Weiterhin wird der Stuhl auf eine Vermehrung von Hefen und Schimmelpilzen untersucht, die gern als Gasbildner besonders bei verstärktem Genuß von Zucker und Stärke unangenehm auffallen.

Molekulargenetische Analyse

Wie schon der Begriff Molekulargenetik verrät, wird bei dieser Analyse der genetische Code (DNA) der Keime bestimmt, durchaus vergleichbar der DNA-Analyse in der Kriminalmedizin. Auch hier genügen nur Bruchstücke sogar längst abgestorbener Keime um die Zusammensetzung des Mikrobioms zu bestimmen. Das ist ein entscheidender Vorteil gegenüber dem Florastatus, bei dem natürlich nur die Keime angezüchtet und bestimmt werden können, die lebend den Darm verlassen und lebend im Labor ankommen. Damit können mit dieser Methode weit mehr Keimarten bestimmt werden, auch wenn nicht zwischen lebenden und abgestorbenen Keimen unterschieden wird. Darum bleibt m.E. der Florastatus die Basisuntersuchung im Rahmen der Mikroökologischen Therapie, während die Molekulargenetische Analyse da ihre Stärken hat, wo der Florastatus die Beschwerden nicht ausreichend erklärt.

So unverzichtbar die Bestimmung der Keime im Stuhl auch ist, ohne deren Lebensumstände zu kennen bringt uns das alles nichts für eine erfolgreiche Therapie. Ohne das Warum zu kennen, wird uns z.B. die Zahl der Fäulniskeime nicht weiterhelfen. Solange wir nicht wissen, was gasbildende Bakterien oder Hefen in unserem Darm füttert bzw. was unsere gewünschten Kulturen am Wachstum hindert, solange liefern uns die Ergebnisse aus dem Florastatus oder der Molekulargenetischen Stuhlanalyse nur unerklärliche Zahlen.
Glücklicherweise wissen wir heute was Bakterien und Hefen zum Leben benötigen, was sie lieben und was sie hassen. Und das müssen wir individuell bei jedem Patienten in der Stuhlprobe herausfinden. Dafür benötigen wir diverse biochemische Daten.

Biochemische Stuhluntersuchung

pH-Wert

Kaum etwas unterscheidet die Kulturen im Darm so eindeutig, wie ihre Vorliebe für ein saures oder basisches Milieu. Auch wenn man sich vor allzu groben Verallgemeinerungen hüten sollte, im Darmmilieu gibt es schon eine auffällige Trennung. Während Gär- und Fäulniskeime und viele krankmachende Bakterien ein basisches Milieu bevorzugen (pH höher als 6,5), lieben unsere gewünschten Kulturen alle ein eindeutig saures Milieu mit einem pH unter 6,5. Und das ist auch kein Zufall, denn die Keime schaffen sich mit Ihren Stoffwechselprodukten das jeweilige Milieu. Nicht ohne Grund nennen wir in der Mikrobiologie unsere gewünschten Kulturen deshalb auch Säurebildner, da sie bei der Spaltung z.B. von Ballaststoffen Essig-, Butter- Propion- oder auch Milchsäure hinterlassen.

Kurzkettige Fettsäuren

Die Bestimmung der oben erwähnten Säuren ist über die Erklärung des pH-Wertes hinaus deshalb so wertvoll, weil es ein Gradmesser für die Leistungsfähigkeit unserer gewünschten Kulturen ist. Wie Sie wissen, gilt der Genuß von reichlich Obst und Gemüse als sehr gesund. Nur ist das nur die halbe Wahrheit, denn ohne die für die Spaltung der Ballaststoffe notwendigen Darmbakterien wird dieser Genuß schnell zur Qual. Denn dann münden Obst und Gemüse schnell in einen gemeinen Gärungs- und Fäulnisprozeß. Und am Ende werden Sie vielleicht sogar eine Unverträglichkeit vermuten und meiden diese Nahrungsmittel, obgleich Ihnen eigentlich nur die notwendigen Kulturen fehlen. Aber es gibt noch eine weitere Erkenntnis aus diesem Test. Es ist meßbar, ob Sie genug Obst und Gemüse essen, denn bei guten Kulturen und niedrigen Fettsäurewerten liegt der Verdacht schon nah.

Verdauungsrückstände

Für das Verständnis einer Fehlbesiedlung (Dysbiose) ist in meinen Augen diese biochemische Untersuchung des Stuhles eigentlich die wichtigste, weil sie uns so unmißverständlich zeigt, was in dieser riesigen „Chemieküche Darm“ so läuft. Hier zeigt sich, wie reichhaltig der Tisch für die Bakterien und Hefen gedeckt ist. Hier finden wir die Erklärung für vermehrte Fäulnis und Gärung sowie das mangelhafte Wachstum gewünschter Kulturen.
Findet man erhöhte Fette, Eiweiße, Stärke oder Zucker, dann brauchen Sie gewiß nicht viel Fantasie, um sich vorzustellen, in welchem Schlaraffenland die Kulturen bei 37 Grad Brutschranktemperatur wohl leben mögen. Und nun werden Sie verstehen, warum diese Untersuchung so ungeheuer wichtig ist. Mißachtet man nämlich diese Nährstoffquelle, dann wird man mit welcher Therapie auch immer die Gär- und Fäulniskeime niemals loswerden! Wie Sie bei meinen Therapieempfehlungen lesen können, lauten die beiden wichtigsten Strategien gegen Fehlbesiedlungen: Milieu vermiesen und Futter wegnehmen.
An dieser Stelle möchte ich ausdrücklich darauf hinweisen, daß erhöhte Verdauungsrückstände nicht zwingend bedeuten, daß zu viel gegessen wurde.

Es gibt 3 Hauptursachen für erhöhte Verdauungsrückstände:

1. Die Nahrung wird enzymatisch schlecht gespalten (Maldigestion)
2. Die Nahrung wird nicht aufgenommen (Malabsorption)
3. Die Nahrung wird wegen einer Allergie abgewehrt

Und damit sind wir bei den nächsten sich logisch anschließenden Untersuchungen.

Maldigestion

Es ist Ihnen sicher bewußt, daß selbst sehr gutes Kauen noch einen sehr groben Speisebrei ergibt, dessen grobe Partikel viel zu groß sind, um durch die Darmschleimhaut zu gelangen. Erst eine sehr gründliche Aufspaltung der Nahrung durch Enzyme des Magens und der Bauchspeicheldrüse und der Mithilfe der Galle läßt so winzige Partikel entstehen, die von der Darmschleimhaut aufgenommen werden können. Die Eiweiße werden bis auf die Ebene der Aminosäuren, die Fette zu den Fettsäuren und die Stärke zu einzelnen Zuckern aufgespalten. Gelingt das nicht oder nur unvollständig, dann führt das zu den erhöhten Verdauungsrückständen. Und ganz richtig, zwangsläufig füttert das Gär- und Fäulniskeime.
Mit den Messungen der Pankreaselastase (Bauchspeicheldrüse) und der Gallensäuren läßt sich zweifelsfrei eine Maldigestion nachweisen.

Malabsorption / Entzündung

Nun mögen Sie meinen, daß mit einer guten enzymatischen Spaltung der Nahrung das Problem der erhöhten Verdauungsrückstände gelöst sei. Aber weit gefehlt, denn selbst die kleinen Aminosäuren oder Zuckermoleküle gelangen nicht von selbst durch die Schleimhaut. Es ist ein aktiver Stofftransport aus dem Darm in die Blut- und Lymphbahn, den natürlich nur eine gesunde Schleimhaut leisten kann. Kommt es zu Reizungen oder gar Entzündungen der Schleimhaut z.B. durch Dysbiosen, Medikamente, Kostfehler oder Nahrungsmittel-Intoleranzen, dann schwillt die Schleimhaut, der Transportweg für Nährstoffe durch die Zellen verlängert sich – es entsteht eine Malabsorption. Erhöhte Verdauungsrückstände sind die unweigerliche Folge und die Fütterung von Gär- du Fäulniskeimen auch!
Mit den Messungen von Alpha-1-Antitrypsin und Calprotectin ist eine Malabsorption sicher nachweisbar. Beide Meßwerte werden auch genutzt um eine Entzündung der Darmschleimhaut zu beweisen, wobei die Höhe der Werte ein Gradmesser für die Entzündung darstellt.

Nahrungsmittel-Allergien

Nun mag sich so mancher fragen, was Nahrungsmittel-Allergien mit erhöhten Verdauungsrückständen und Fäulnisprozessen zu tun haben. Die Antwort wird leicht fallen, wenn man bedenkt, daß allergene Nahrungsmittel z.T. von der Darmschleimhaut abgewehrt werden. Eine besondere Form dieser Abwehrreaktion ist die IgG-Nahrungsmittel-Allergie, eine erworbene Reaktion (im Gegensatz zur angeborenen IgE), die auf einer Durchlässigkeitsstörung der Darmschleimhaut beruht. Neudeutsch nennt man diese Störung Leaky Gut Syndrom, bei der kleine Lücken zwischen den Schleimhautzellen die Kontrolle schwächen und das Immunsystem zu erhöhter Abwehr zwingen. Und dabei kommen auch manche Nahrungsmittel unter die Räder. Besonders gegen die Eiweiße in glutenhaltigen Getreiden sowie Milch und Milchprodukten wehrt sich das schleimhautständige Immunsystem. Die Folgen sind einmal mehr erhöhte Verdauungsrückstände und damit verbunden….Sie wissen schon.
Mit den Messungen von Zonulin und Eosinophiles Protein EPX lassen sich Durchlässigkeitsstörungen und allergische Reaktionen nachweisen.

Nahrungsmittel-Intoleranzen

Eine weitere unverzichtbare biochemische Stuhluntersuchung klärt die Ursachen von Bauchbeschwerden auf Nahrungsmittel, die sich wie Allergien anfühlen, aber keine sind. Unter Nahrungsmittel-Intoleranzen leiden weit mehr Menschen, als allgemein bekannt ist. Wußten Sie, daß ca. 10- 20% unter Laktose-, 40% unter Fruktose und ähnlich viele unter Glutenintoleranz leiden? Sind Sie überrascht? Das sind selbst die Menschen, die unter diesen Intoleranzen leiden, aber bisher die Diagnose nicht kannten. Denn die Beschwerden sind meist sehr untypisch und folgen nicht zeitnah der Nahrungsaufnahme. So mag beispielsweise ein Glutenintoleranter immer wieder unter massivem Blähbauch und Bauchschmerzen leiden. Da er aber wie die meisten morgens und abends sein Brot, mittags Pasta und zwischendurch seinen Kuchen genießt, wird sein Darm permanent mit Gluten konfrontiert und somit ist eine zeitnahe Reaktion auf Gluten unmöglich. Meist sind die Patienten völlig überrascht, wenn man sie mit der Diagnose konfrontiert.
Für die Selbstwahrnehmung kommt noch erschwerend hinzu, daß die meisten Beschwerden gar nicht durch das intolerante Nahrungsmittel selbst, sondern durch die Gär- und Fäulnisprozesse entstehen, die die Darmbakterien aus dem intoleranten Nahrungsmittel auslösen
Was lernen wir daraus.? Einmal mehr sind es doch wieder die Bakterien, die die Beschwerden auslösen und nicht das Nahrungsmittel!
Mit der Untersuchung auf Fruktose, Sorbit, Xylit und auf Gliadin-Antiköper sowie Transglutaminase-Antikörper sind die Intoleranzen sicher zu diagnostizieren.
Anmerkung: Die Laktoseintoleranz läßt sich nicht im Stuhl, sondern nur mit einem Atemtest nachweisen.